8. Stuttgarter Sportgespräch

2012

„Von der Planche aufs Parkett –
Ein Abend mit Thomas Bach“

Zum 8. Mal luden die Anwaltskanzleien Wüterich & Breucker und Lengerke Thumm — Kooperation Sportrecht — in Zusammenarbeit mit der Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG zur jeweils auf Jahresbeginn angesetzten und inzwischen etablierten sportrechtlich-sportpolitischen Veranstaltung in Stuttgart ein. Die Ausrichtung blieb unverändert: Das «Stuttgarter Sportgespräch» versteht sich als ein unabhängiges Denk- und Diskussionsforum für Vordenker und Entscheidungsträger aus Sport, Politik, Wirtschaft, Medien und Justiz. Anders als in den Vorjahren wählte der Veranstalter heuer erstmals die Form des Zwiegesprächs, abgehalten zwischen ZDF-Journalist Elke Schulz und Dr. iur. Thomas Bach, Florettfecht-Olympiasieger, DOSB-Präsident und IOC-Vizepräsident.​ Am diesjährigen «Stuttgarter Sportgespräch» konnte ​Dr. Marius Breucker​ für die Veranstalter rund 300 geladene, teils prominente Gäste aus Sport, Politik, Wirtschaft, Medien, Justiz und Advokatur willkommen heißen. Das Grußwort hielt Dr. Susanne Eisenmann, Stuttgarter Sportbürgermeisterin. Sie verwies mitunter auf Chancen, welche eine verstärkte Kooperation zwischen Ganztagesschulen und Vereinen ergäben. Das traditionelle Impulsreferat hielt Dr. Christoph Wüterich. Er stieß die Diskussion über den Blickwinkel der Rohheit und Freiheit bzw. des Kampfs und der Liebe im Sport an. Als zentrale Frage angesprochen wurde, ob in der heutigen Gesellschaft Hochleistungssport überhaupt noch möglich sei. Die totale Spezialisierung habe das Coubertin’sche Ideal einer ganzheitlichen Ausbildung verdrängt, und es stelle sich die ernste Frage, ob es sinnvoll sei, als junger Mensch für den Preis einer völligen Einseitigkeit der Ausbildung auf Leistungssport mit einem Trainingsaufwand von bis zu 30 Stunden pro Woche zu setzen. Es bestünde die Gefahr eines Prekariats von ehemals hoffnungsvollen Athleten, da nichts Systematisches für die Altersversorgung der Sportler getan werde. Kritisch hinterfragt wurde auch die im Trend liegende Konzeption einer Verknüpfung von Ganztagesschule mit Interessen von Vereinen, indem Vereine mit ihren Übungsleitern und Trainern in den Schulen tätig werden. Es sei zu befürchten, dass dieser Prozess der überkommenen Sportvereinskultur ein Ende bereiten könnte. Namentlich wurde auch die Frage aufgeworfen, ob in einem Gemeinwesen wie der Bundesrepublik Deutschland eine Großveranstaltung, bspw. Olympische Spiele, gegen den Willen mancher Bürger überhaupt noch machbar sei. Mit Hinweis auf die aktuellen Erfahrungen in Stuttgart und München wurde konstatiert, dass es zwischen dem Bau eines Bahnhofs und der Bewerbung um Olympische Spiele Parallelen gebe. In der Folge wurde das Zwiegespräch zwischen dem Moderator und dem Gast, der namentlich über mannigfaltige Erfahrung mit Großsportveranstaltungen verfügt, engagiert geführt. Aus den Voten von Thomas Bach sei Folgendes hervorgehoben: Bekräftigt wurde das Interesse des deutschen Sports an der Austragung von Olympischen Spielen. Mit Bezug auf hohe Normen für eine Olympiaqualifikation stellte Bach klar, dass auch nach Coubertin immer schon das Leistungsprinzip gegolten habe, und dass der größte Druck für den Sportler nicht von Verbänden oder Geldgebern, sondern von ihm selbst ausgehe. Die Kritik einer mangelnden materiellen Versorgung von sich dem Spitzensport verschreibenden jungen Athleten erwiderte Bach insoweit, als für die meisten Sport kein Lebensberuf sei, womit die Altersversorgung anderweitig erfolge. Er schilderte sodann den Weg eines dualen System, das noch ausgebaut werden könne: Eliteschulen des Sports kooperierten mit Hochschulen, mit dem Zoll, der Bundeswehr und immer mehr mit Wirtschaftsunternehmen, die verstünden, dass der Sportlerehrgeiz nicht in der Umkleidekabine ende. Bach bekannte ’sich weiter zur «Nulltoleranzpolitik» mit Blick auf Doping. Entscheidend sei, die Abschreckungsschwelle so hoch wie möglich zu setzen. Dabei hätten sich Sport und Staat im Antidopingkampf zu ergänzen. Mit Blick auf die aktuellen Ermittlungen gegen den Thüringer Sportmediziner Andreas Franke, dessen Behandlungsmethode auf der Entnahme und Reinfusion von Blut basiert, um es angeblich zur Infektvorsorge mit ultraviolettem Licht zu bestrahlen, befürwortet Bach die Schaffung weiterer Schwerpunktstaatsanwaltschaften (neben derjenigen in München) für den Kampf gegen Arzneimittel- bzw. Dopingvergehen. Er verwies aber auch auf die Möglichkeiten des Sports selbst, die dem Staat so nicht zur Verfügung stünden, namentlich Meldepflichten und faktische Beweislastumkehr in Form der «Strict Liability», wobei allerdings weiterhin unzureichende personelle und finanzielle Ressourcen bestünden. Und mit kritischem Blick auf den Sportjournalismus hielt Bach fest, Journalisten würden mehr richten statt berichten, das Bild des Sportjournalisten habe sich geändert, einen Unterschied zwischen Bericht und Kommentar gebe es praktisch nicht mehr. Als Fazit des diesjährigen Stuttgarter Sportgesprächs sei konstatiert, dass Spitzensport mit seinen Interessengegensätzen weiterhin und gar verstärkt mit Problemen zu kämpfen hat. Die in Stuttgart angesprochene Themenpalette ist groß: Sportliche Ausbildung, Karriereplanung und Absicherung von (ökonomisch nicht erfolgreichen) Hochleistungssportlern, Finanzierungsfragen, Organisation von Breitensport und dessen Koordination mit Schulen, Kampf gegen Doping, Korruption und Wettbetrug, usw. Sport ist und bleibt somit nicht nur etwas Verbindendes, Schönes und Unterhaltendes, sondern Sport wird weiterhin auch roh sein, sportlich, wirtschaftlich und politisch-gesellschaftlich.

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