20. Stuttgarter Sportgespräch
Bentele, Vogel, Wasmeier und Weißflog -
Stehende Ovationen beim 20. Stuttgarter Sportgespräch
Mit stehenden Ovationen bedankten sich die Teilnehmer bei Verena Bentele, Kristina Vogel, Markus Wasmeier und Jens Weißflog für einen besonderen Abend in Stuttgart. Die vier Ausnahmeathleten hatten das Plenum zuvor nicht nur in eine Zeitreise in ihre von Olympia- und Paralympics-Siegen und Weltmeistertiteln gespickten Karrieren mitgenommen, sondern auch bemerkenswerte Einblicke in die Höhen und Tiefen ihres Sportlerlebens gewährt.
Jens Weißflog schilderte, wie sich durch den Fall der Mauer 1989 seine Lebensbedingungen radikal änderten: Zuvor als gelernter Elektroinstallateur in einem Volkseigenen Betrieb (VEB) an- und für den Spitzensport umfassend freigestellt, wurde ihm von seinem Werkleiter mitgeteilt, dass man dieses Modell künftig nicht mehr aufrechterhalten und ihn folglich nicht mehr beschäftigen könne. Er habe die Kollegen im Westen gefragt, wie sie sich denn finanzierten und den Hinweis auf Sponsoren erhalten. So machte sich der damals 25-Jährige Erzgebirger auf den Weg in den Westen und gewann durch Vermittlung des Vaters seines ehemaligen „Klassenfeindes“ und neuen Mannschaftskollegen Dieter Thoma einen Bekleidungssponsor, dessen Engagement der westdeutsche Kollege zuvor abgelehnt hatte: „Für Dieter war es zu wenig, für mich hat es gereicht“, so Weißflog schmunzelnd.

Jens Weißflog (Foto: Dominik Türk / Die Käserei)
Doch nicht nur die politischen Verhältnisse änderten sich seinerzeit: Kurz nach der DDR verschwand auch der Parallelstil, der das Skispringen bis dahin geprägt hatte und den Jens Weißflog in Perfektion beherrschte. Statt seiner hielt der V-Stil Einzug, den der Schwede Jan Boklöv Mitte der achtziger Jahre durch einen verunglückten Trainingssprung zufällig entdeckt hatte. „Es gab keine Erfahrung, die Trainer sagten nur, mach` die Beine auseinander – das war mir theoretisch auch klar …“, erinnert sich Jens Weißflog. Da der Weitengewinn bis zu 15 Meter betrug, wurde der V-Stil alternativlos. Weißflog erfuhr aufgrund der Schwierigkeiten der Umstellung kaum noch Unterstützung: „Ich habe nicht einmal mehr Skier zugesandt bekommen, weil die Leute nicht mehr an mich geglaubt haben.“
Als der Österreicher Ernst Vettori im V-Stil 1992 in Albertville Olympiasieger wurde, „dachte ich mir: Wenn der alte Knochen das kann, kann ich das auch“, so Weißflog. Gesagt, getan: Ende 1993 gewann Weißflog den ersten Weltcup im V-Stil . Und dann folgten die Spiele von Lillehammer 1994. „Bredesen lag vor dem letzten Sprung zehn Punkte vor mir, nachdem er mit Aufwind Schanzenrekord gesprungen war; da sagte ich mir: Ich gebe nicht auf, ich drehe das Ding!“ Und so kam es: „Es wurde ein emotionaler Sieg - auch für die Zuschauer durch die Reportage von Gerd Rubenbauer.“ Nach allen zwischenzeitlichen Schwierigkeiten und Rückschlägen „war der Olympiasieg von Lillehammer schon auch eine Genugtuung.“ Dem Weißflog mit der Mannschaft zwei Tage darauf einen weiteren – seinen insgesamt dritten – folgen ließ. So hatte er seine Sportart nicht nur in zwei politischen Systemen, sondern auch in zwei unterschiedlichen Flugstilen geprägt.
Pressestimmen

Jens Weißflog und Verena Bentele (Foto: Dominik Türk / Die Käserei)
Die zwölffache Paralympics-Siegerin und vierfache Weltmeisterin im Para-Skilanglauf und Para-Biathlon Verena Bentele erinnerte sich lebhaft an die Anfänge ihrer Karriere: „Wir hatten einen Wettbewerb in Tobolsk in Sibirien, ich war froh, aus meinem Dorf herauszukommen und fand alles spannend; abends saßen wir zusammen, und es wurde reichlich Wodka getrunken – wenn auch nicht von mir –, das war eine einmalige Atmosphäre.“ Die Zeiten hätten sich geändert, was es für heutige Sportler nicht einfacher mache: „Damals stand nur der Sport im Mittelpunkt. Heute stehen die Sportler vor ganz anderen Herausforderungen - nicht nur durch Social Media, sondern auch durch die Erwartungen, dass sie sich etwa vor den Olympischen Spielen in Peking zu politischen Fragen äußern sollen“. Den Wandel des paralympischen Sportes von Berichten in der Sendung „Aktion Sorgenkind“ hin zu mehrstündigen Liveübertragungen hat Verena Bentele nicht nur erlebt, sondern wesentlich mitgestaltet: „Damals wurde ich gefragt, wie sehr ich unter meiner Behinderung leide, worauf ich erklärte, ich leide nicht, ich bin so geboren!“. Als mich jemand fragte: „Warum machen Sie denn Sport, wo Sie doch nichts sehen können, stellte ich spontan die Gegenfrage: Was ist mit Ihnen los, Sie machen keinen Sport – und sehen alles …!“
Bentele berichtete von der Praxis des paralympischen Biathlons. Nachdem allen Zuhörern eingespielt worden war, wie die Athletin am Schießstand durch akustische Signale „ins Schwarze“ geleitet wird, erklärte Bentele lachend: „Das waren fünf Treffer, das war wohl eher nicht ich, denn ich habe meistens nicht alles getroffen. Ich war mehr die Läuferin!“ Und über das Zusammenspiel mit ihrem Trainer und Begleitläufer: „Der Trainer darf zwar auf der Strecke etwas sagen, aber nicht beim Schießen – der arme Tropf muss dann aber mit auf die Strafrunde …!“.
Begeistert schilderte Bentele ihr Leben als Studentin in einem Bungalow im Olympiadorf in München und nahm dies zum Anlass, eine Lanze für die die Bewerbung Deutschlands für künftige Spiele zu brechen: „Die Münchner haben sich für Olympische Spiele und Paralympische Spiele entschieden – das freut mich riesig!“. Und auch für die die in der ersten Reihe sitzenden baden-württembergische Ministerin für Kultus, Jugend und Sport, Theresa Schopper, hatte sie eine Botschaft: „In Norwegen machen die Kinder jeden Tag eine Stunde Sport, Frau Schopper, das wäre doch etwas!“, rief sie und kommentierte lachend die Zustimmung des Plenums: „Hier wird viel geklatscht – in der Politik bekommt man nicht so viel Applaus …!“.

Kristina Vogel und Markus Wasmeier (Foto: Dominik Türk / Die Käserei)
Die zweifache Olympiasiegerin Kristina Vogel stellte zu Beginn des Sportgesprächs klar: „Ich freue mich, dass Sie mich als elffache Weltmeisterin vorgestellt haben, will mich aber an dieser Stelle für die Jugend stark machen und darauf hinweisen, dass noch sechs Weltmeistertitel im Juniorenbereich dazukommen!“
Die im weiteren Verlauf folgerichtig als siebzehnfache Weltmeisterin bezeichnete, weltweit erfolgreichste Bahnradsportlerin schilderte den harten Trainingsalltag, in dem sie auch ihre Teamkolleginnen zu immer neuen Höchstleistungen anspornte - und dabei nicht immer nur auf Begeisterung stieß... Legendär und in den eindrucksvollen Einspielern des SWR anschaulich zu sehen war ihr Zieleinlauf bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016, als ihr in der letzten Runde der Sattel vom Rad flog: „Ich musste kurz überlegen: wie fährt man Fahrrad ohne Sattel? Ich kann nur sagen, es ist nicht zu empfehlen. Aber es half nichts, und so bin ich ohne Sattel ins Ziel geflogen“.
Kristina Vogel, die in diesem Jahr in Frankfurt als „Sportlerin mit Herz“ für ihr Engagement für Inklusion und Barrierefreiheit ausgezeichnet wurde, schilderte, wie sich die Welt nach ihrem schweren Trainingsunfall und ihrer anschließenden Querschnittslähmung im Jahr 2018 – nur wenig nach ihrem zehnten und elften Weltmeistertitel - veränderte: „Plötzlich sah die Welt anders aus, und es ist im Alltag keineswegs einfach; da fragte ich die paralympischen Kollegen: Warum habt ihr nie etwas gesagt? In Wahrheit hätte ich natürlich fragen können, wie geht es Euch wirklich, wie ist Euer Alltag?“. Vogel hatte schon im Jahr 2009 einen schweren Verkehrsunfall auf dem Fahrrad erlitten und sich anschließend an die Weltspitze zurückgekämpft. Auch jetzt lässt sie sich nicht beirren: „Man muss sich selbst engagieren! Der Preis ist eine Auszeichnung und bestätigt mir: Ich darf jetzt ein bisschen lauter sein!“. Darin bestärkte sie Verena Bentele: „Kristina bleib dabei, das ist so wertvoll, weil Du beide Seiten kennst – Dir hört man zu!“.
Vogel berichtete von vielen Anfragen paralympischer Sportarten, doch wolle sie dem derzeit nicht nähertreten. Man solle zwar nichts ausschließen, doch sei dies derzeit kein Thema: „Im Moment passt alles so“.

Dr. Marius Breucker (Foto: Dominik Türk / Die Käserei)
Markus Wasmeier, von Dr. Marius Breucker als „Boris Becker des Alpin-Skisports“ begrüßt, berichtete von ähnlichen Erfahrungen: Nachdem er nach dem legendären „Ritt von Bormio“ im Jahr 1985 Weltmeister geworden war, gingen die Olympischen Spiele in Calgary 1988 gründlich schief. „Ich hatte gleich am ersten Tor eingefädelt. Im Training hätte ich die Skier abgeschnallt und wäre aufgestiegen, um neu zu starten - das ging aber leider bei Olympia nicht! Plötzlich waren die vermeintlichen Freunde – die Schulterklopfer – weg, und ich stand weitgehend allein.“ Aufgeben war für ihn aber keine Alternative. „Es war schon ein Kampf, man musste mit allen Wassern gewaschen sein“, schilderte Wasmeier anekdotisch: „Das ging bis zum Material, beim Wachsen, wenn eine Materialabteilung ein angebliches ,Wunderwachs´ entwickelt hatte, versuchten andere das nachts mit dem Besen unter den Containern hervor zu kratzen, um es zu analysieren. Aber natürlich hatte man anderes Wachs unter dem Container liegen lassen…“, erzählte Wasmeier lachend.
Nachdem auch die Olympischen Spiele 1992 nicht wie gewünscht verliefen, kam Lillehammer 1994: Wasmeier erreichte nach dem Super-G-Lauf zwar mit Bestzeit das Ziel; „aber ich wusste, ich habe einen großen Fehler gemacht und dachte daher, ich hätte alles versemmelt. Es standen noch so viele oben, dass es eine echte Zitterpartie war“. Aber die Bestzeit hatte Bestand: „Als ich dann ganz oben auf dem Stockerl stand, wusste ich, es hat sich alles gelohnt: Ich habe nie aufgegeben, immer an mich geglaubt – dieser Sieg war für mich.“ Der anschließende Riesenslalomwettbewerb war dann zum Genießen: „Mit der Goldmedaille in der Tasche schwebst du auf Wolke sieben.“ – so fuhr Wasmeier zum Doppel-Olympiasieg.
Wasmeier richtete den Blick auch auf aktuelle Entwicklungen: „Vor zwei Jahren war ich beim Langlaufen in Norwegen, da traten zwei Skiclubs von Oslo im 10 km-Lauf gegeneinander an - mit den damals 10 bis 13-jährigen der Jahrgänge 2009 bis 2012. Da waren 2000 Kinder auf der Strecke – Wahnsinn!“
Auch in der Zeit nach der aktiven Karriere prägte Wasmeier den Skisport:
Er nahm die ersten Abfahrten mit laufender Kamera – damals noch in den Händen gehalten – vor und erinnerte sich, wie er einmal bei einer Kamerafahrt den vor ihm fahrenden Österreicher Armin Assinger mit der Kamera überholte und sich überlegt hatte, ihm im Vorbeifahren zu zurufen: „Und, wann geht ihr auf Sendung?“. Mit der gefahrenen Zeit hätte er beim Damen-Wettbewerb eine Silbermedaille erhalten, fügte Wasmeier verschmitzt hinzu. Außerdem habe er einmal die Kamelbuckel im Val Gardena in Gröden mit acht Meter Luftstand und 30 bis 40 Meter Flug mit der Kamera gefahren: „Da musste man schon mit 130 km/h hineingehen“, im Nachgang habe sich das aber nicht gelohnt: „Die Fahrt wurde aus Zeitgründen nicht mehr ausgestrahlt, außerdem war der Sprung im Video gar nicht als solcher erkennbar …“.

Theresa Schopper (Foto: Dominik Türk / Die Käserei)
Anlässlich des 20. Stuttgarter Sportgesprächs hatte Dr. Marius Breucker für die Kanzlei Wüterich Breucker über 350 geladene Gäste im Eventcenter der SpardaWelt begrüßt, darunter die baden-württembergische Kultusministerin Theresa Schopper und den Stuttgarter Sportbürgermeister Dr. Clemens Maier. Anlässlich des Jubiläums-Sportgesprächs warf Breucker einen Blick auf die Anfänge: Alles begann damit, dass der Verlag für das von ihm mit Dr. Christoph Wüterich veröffentlichte „Arbeitsrecht im Sport“ eine Buchvorstellung bei einem Glas Sekt in einer Fachbuchhandlung vorgeschlagen hatte. „Das widersprach dann doch unserer schwäbisch-nüchternen Mentalität; aber über den Sport und seine gesellschaftliche Bedeutung nachzudenken und sich dabei von klugen Köpfen inspirieren zu lassen, das klang schon besser“, so Marius Breucker. Damit war die Idee eines Diskussionsabends geboren. Als wider Erwarten über 200 Teilnehmer ins „Haus des Sports“ kamen und begeistert waren, wurde daraus das „Stuttgarter Sportgespräch“.
Als Mann der ersten Stunde – Mitglied des ersten Podiums – inspirierender Kopf und zuverlässiger Wegbegleiter entrichtete Professor Dr. Udo Steiner einen humorvollen Impuls, in dem er das Stuttgarter Sportgespräch als Ideenschmiede würdigte. Die Themen von der Autonomie des Sports über Doping, eSport und Integration bis zur Rolle der Medien seien interessant und vielfältig – und hätten sich leider nicht durch Lösungen erledigt. Das Stuttgarter Sportgespräch könne also mit seiner Themenreihe jederzeit ohne Weiteres nochmals von vorn beginnen …

Prof. Dr. Udo Steiner (Foto: Dominik Türk / Die Käserei)
Dr. Christoph Wüterich hatte in seinem Impulsreferat mögliche Game Changer des Sports beschrieben: Nicht nur Athleten wie der legendäre Bote Pheidippides, der den Sieg der Athener bei Marathon meldete, oder Dick Fosbury, der die nach ihm benannte Hochsprungtechnik einführte, sondern auch Trainer wie Helmut Groß und Valerij Lobanowski, die im Fußball den Libero abschafften und die Viererkette einführten, sowie Funktionäre wie Pierre de Coubertin, der 1894 das IOC mit dem Ziel der Völkerverständigung gründete und die modernen Olympischen Spiele ins Leben rief, hätten Grenzen nicht nur getestet, sondern verschoben. Ihr Regelbruch sei nach anfänglicher Ablehnung zur neuen Norm geworden. Nicht alles habe sich durchgesetzt; manches – wie etwa der Vorwärtssalto im Weitsprung oder der Rückwärtssalto im Eiskunstlauf – sei auch verboten worden. Wüterich nannten technische Neuerungen als weitere Game Changer, etwa die Einführung des Kunstrasens im Feld-Hockey – „das hat den Sport und namentlich die Siegernationen verändert“ –, den Klappschlittschuh im Eisschnelllauf oder die mittlerweile verbotenen Hightech-Anzüge im Schwimmen. Im Angesicht der in den USA für kommendes Jahr geplanten „Enhanced Games“ mit freiem Spiel der (Doping-) Kräfte warnte Wüterich vor fragwürdigen Game Changern: „Der Sport darf nicht von ethischen Werten abgekoppelt werden!“.
Die von Jens Zimmermann charmant und souverän moderierte schwungvolle Diskussion fand nach dem stehend gespendeten Applaus beim anschließenden Empfang in angeregten Gesprächen ihre Fortsetzung. Für alle, die dabei waren, ein unvergesslicher Abend.

Dr. Matthias Breucker, Frank Thumm, Dr. Marius Breucker, Dr. Christoph Wüterich, Theresa Schopper, Markus Wasmeier, Verena Bentele, Jens Weißflog, Dr. Clemens Maier, Prof. Dr. Udo Steiner; vorn: Kristina Vogel, Jens Zimmermann (Foto: Dominik Türk / Die Käserei)




















































